Oberflächlich sein − gut oder schlecht?

Oberflächlichkeit – Niemand will gerne als oberflächlich gelten? Trotzdem sind wir manchmal ganz schnell dabei, anderen diesen Stempel aufzudrücken.

Ich kann mich erinnern, dass früher oft behauptet wurde, Amerikaner seien oberflächlich. Zu diesem Urteil kamen oft gerade diejenigen, die weder Erfahrungen mit Amerikanern vorweisen konnten noch sich jemals in den USA aufgehalten hatten. Aber auch bei uns galten und gelten viele als oberflächlich, nur weil sie …. ‒ ja was eigentlich?

Vielleicht sollten wir uns erst einmal ansehen, was das Wort Oberflachlichkeit bedeutet. Der Duden gibt folgende Erläuterungen:

1. sich an der Oberfläche befinden
2. nicht gründlich, flüchtig
3. am Äußeren haftend, ohne geistig-seelische Tiefe

Landläufig wird jemand, der oberflächlich ist, gerne auch als flatterhaft oder sprunghaft bezeichnet. Oberflächlich ist jemand, der nur auf Äußerlichkeiten fixiert ist, der nur dann seine Aufmerksamkeit auf sich, andere und seine Umgebung richtet, wenn es um Auto, Haus, Kleidung oder Ansehen geht. Oder er will sich mit Menschen oder Situationen nicht gründlich, tiefer gehend beschäftigen, sondern lieber an der Oberfläche bleiben.

Wir sehen also, der Begriff ist eher negativ besetzt. Kein Wunder, dass niemand für oberflächlich gehalten werden will.

Sind Menschen aber wirklich oberflächlich?

Ich denke, sie sind es nicht, sie verhalten sich höchstens so. Das machen sie aber nicht von Natur aus, sondern sie haben es sich, wie so vieles andere auch, abgeschaut, haben es gelernt. In der Kindheit. Von Bezugspersonen, Lehrern, Kameraden. Später von Kollegen, Vorgesetzten, Geschäftspartnern.

Vielleicht haben sie gelernt, eine lockere Einstellung zu den Dingen des Lebens zu haben und das Leben leicht zu nehmen. Vielleicht konnten sie sich ein Bild davon machen, was Lebensfreude ist, und entschlossen sich, das nachzuahmen. Vielleicht haben sie gesehen, dass man mit Unbeschwertheit besser fährt, dass man vieles im Leben nicht allzu bierernst nehmen sollte. Dass man sich an schönen Dingen erfreuen kann und darf.Oder vielleicht haben sie Schlussfolgerungen aus schlechten Erfahrungen gezogen und ihr Verhalten angepasst. Als Selbstschutz sozusagen. Etwa weil sie in einer geschäftlichen oder privaten Beziehung verletzt, übervorteilt oder ausgenutzt wurden.

Oft verkriechen sich solche Menschen dann zumindest für eine bestimmte Zeit in ihr Schneckenhaus. Ehe sie sich wieder hervorwagen, beschließen sie, sich künftig weniger intensiv in Beziehungen einzubringen, nichts und niemanden mehr an sich heranzulassen. Nach außen erscheint dieser Mensch so manchem als oberflächlich. Doch ist er das wirklich? Würden wir seine Geschichte kennen, würde er uns dann nicht plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen?

Oberflächlichkeit ist also weder gut noch schlecht.

Wir sollten uns daher nicht vorschnell ein Urteil über andere erlauben, sie in eine Schublade stecken. Genau genommen kritisieren wir sie nämlich. Und das wirft plötzlich ein besonderes Licht auch auf uns. Welches?

Um das herauszufinden, können wir uns folgende Fragen stellen:

  • Verurteile ich beim anderen etwas, was mir an mir selbst nicht gefällt?
  • Hat der andere eine Eigenschaft, die ich auch gerne hätte?
  • Tut der andere etwas, wozu mir der Mut fehlt?
  • Bewundere ich insgeheim den anderen und will mir das nur nicht eingestehen?

Je nachdem wie die Antwort ausfällt, könnte es angezeigt sein, am eigenen Selbstbewusstsein zu arbeiten.
Wir könnten auch daran arbeiten, andere so sein zu lassen, wie sie sind.

Und sollte uns jemand für oberflächlich halten, können wir nachfragen, wodurch dieser Eindruck entstanden ist. Die Antwort ermöglicht es uns, entweder den Eindruck zu zerstreuen oder unser Verhalten zu ändern, falls uns das angebracht oder wichtig erscheint.

© Ingrid Baun

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